Der Staat, die Gesellschaft und auch das Gesundheitssystem tragen gemeinsam Verantwortung dafür, dass jede*r Zugang zu angemessener medizinischer Versorgung hat.
Doch obwohl die Gesetzeslage in Deutschland dieses Recht theoretisch garantiert, sieht die Realität anders aus – insbesondere für Frauen mit Behinderungen. Sie erleben häufig eine doppelte Diskriminierung: aufgrund ihres Geschlechts und ihrer Behinderung. In Deutschland betrifft das rund 6 Millionen Frauen, also etwa 15 % der weiblichen Bevölkerung.
Hier zeigt sich der Gender Health Gap in besonderer Schärfe: Medizinische Forschung, Versorgung und Strukturen sind noch immer zu wenig auf die Lebensrealitäten von Frauen ausgerichtet – und erst recht nicht auf die von Frauen mit Behinderungen. Trotz klarer Verpflichtungen aus der UN-Behindertenrechtskonvention, insbesondere aus Artikel 6 und 25, bleibt der Zugang zu medizinischer Versorgung vielfach ungleich und unzureichend.
Als selbst betroffene Person und als pflegepolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen habe ich deshalb gemeinsam mit Kirsten Kappert-Gonther, Sprecherin für Frauengesundheit unserer Fraktion, ein digitales Fachgespräch initiiert:
„Wege zu einer barrierefreien medizinischen Versorgung für Frauen mit Behinderungen“.
Gemeinsam mit Betroffenen und Expertinnen haben wir über persönliche Erfahrungen, strukturelle Defizite und konkrete Lösungsansätze gesprochen.
Christina Hallwachs schilderte eindrücklich, wie mühsam es ist, überhaupt passende Arzttermine zu bekommen – und welche Gefühle medizinische Untersuchungen auslösen können: Angst, Stress, Scham und Überforderung. Christina Hallwachs berät querschnittsgelähmte Personen mit Beatmung und ihre Angehörigen.
Dr. Britta Schlegel (Monitoring-Stelle UN-BRK, Deutsches Institut für Menschenrechte) ordnete die Datenlage ein und machte deutlich: Es fehlen bis heute eine einheitliche Erfassung von Barrierefreiheit, verbindliche Ausbildungsinhalte zu Behinderung in der medizinischen Ausbildung sowie ausreichende Vorsorgeangebote.
Dr. Dr. Mo Urban zeigte anhand einer Studie aus Bremen, wie groß der Handlungsbedarf ist, und forderte klare Anreize für Ärzt*innen – insbesondere bessere Rahmenbedingungen, um sich mehr Zeit für Patientinnen mit Behinderungen nehmen zu können.
Beatrice Gomez (Weibernetz e. V.) erinnerte daran, wie zentral es ist, Betroffene ernst zu nehmen und ihre Selbstbestimmung zu respektieren: Medizinische Maßnahmen dürfen nur auf Grundlage informierter Einwilligung erfolgen.
Die Diskussion war lebendig, respektvoll und offen – und zeigte vor allem eines: Der Gesprächsbedarf ist enorm. Ein Follow-up ist unverzichtbar.
Ganz ehrlich – das ist eines der besten (und zugleich erschütterndsten) Fachgespräche, an denen ich bislang teilnehmen konnte/durfte.
Wie wir jetzt weitermachen wollen:
- Wir werden das Thema in unserer parlamentarischen Arbeit weiter verfolgen, z.B. durch einen Antrag an die Bundesregierung
- Austausch mit weiteren Entscheidungsträger*innen aus Medizin, Verbänden und Politik
- stärkere Vernetzung und gezielte Unterstützung von Selbstvertretungsorganisationen
Unsere zentralen Forderungen:
- mehr Forschung, unter anderem zum Hormonhaushalt bei Frauen mit Behinderungen
- verbindliche Verankerung von Behinderung in der medizinischen Ausbildung
- gynäkologische Spezial- und Sozialambulanzen
- Sensibilisierung und kontinuierliche Weiterbildung des medizinischen Personals
- einheitliche, verbindliche Standards für Barrierefreiheit
- ein Vergütungssystem, das zeitlichen und strukturellen Mehraufwand realistisch abbildet
Denn:
Barrierefreie Gesundheitsversorgung ist kein Sonderwunsch.
Sie ist Voraussetzung für Gleichberechtigung, Gesundheit und Selbstbestimmung.